Kardiale Amyloidose & systemische Amyloidosen

Strukturierte Zusammenfassung zweier aktueller CME-Übersichtsarbeiten (2026)

A
Beckmann, Akin, Haghikia, Rassaf, Hamdani, El-Battrawy: „Kardiale Amyloidose – Pathogenese, Diagnostik und Therapie“. Dtsch Arztebl Int 2026; 123: 447–52 (Deutsches Ärzteblatt, Heft 16, 7.8.2026). Schwerpunkt: ATTR-Kardiomyopathie, Diagnostik & spezifische Therapien.
B
Farid, Schönland, Blank, aus dem Siepen, Weiler, Beimler, Hegenbart: „Amyloidosen – Klassifikation, Diagnostik und Therapie“. Innere Medizin 2026; 67: 882–91 (Springer, Amyloidose-Zentrum Heidelberg). Schwerpunkt: Klassifikation aller drei Hauptformen (AL, ATTR, AA), Gesamtalgorithmus & Fallbeispiel.

1 · Pathogenese & Klassifikation

Amyloidosen entstehen durch Fehlfaltung von Proteinen mit β-Faltblatt-Struktur, die sich als unlösliche Fibrillen im Interstitium ablagern und Organfunktionen beeinträchtigen. Mehr als 40 amyloidogene Proteine sind bekannt (B); klinisch relevant für Internisten sind vor allem drei systemische Formen:

ATTRTransthyretin-Amyloidose

Fehlfaltung von in der Leber gebildetem Transthyretin (TTR), Zerfall des Tetramers in aggregationsanfällige Monomere.

  • ATTRv (hereditär, autosomal-dominant, TTR-Genmutation, >100 bekannte Varianten, Prävalenz <1:100.000 in Europa)
  • ATTRwt (Wildtyp, altersassoziiert, häufigste Form bei älteren Männern)

ALLeichtketten-Amyloidose

Klonale Plasmazellerkrankung (MGUS/„smoldering“ oder symptomatisches Myelom, <10 %) mit Sekretion amyloidogener Leichtketten (meist λ). Rasch progredient → hämatologischer Notfall, umgehender Therapiebeginn erforderlich.

AAAA-Amyloidose

Folge chronischer Entzündung (rheumatoide Arthritis, Spondylitis ankylosans, familiäres Mittelmeerfieber); ca. 25 % idiopathisch. Fibrillen aus Serum-Amyloid-A. Betrifft v. a. Niere (95 %), selten Herz (20 %).

Epidemiologie

ParameterWertQuelle
Administrative Prävalenz kardiale Amyloidose (D)Anstieg 2009–2018: 15,5 → 47,6 / 100.000 PersonenjahreA
Administrative Inzidenz kardiale Amyloidose (D)Anstieg 2009–2018: 4,8 → 11,6 / 100.000 PersonenjahreA
Stationäre Fälle organbegrenzte Amyloidose (ICD E85.4)221 (2000) → 1.515 (2023)A
AL-Amyloidose, Neudiagnosen8–12 / 1 Mio. Einwohner/JahrB
ATTRwt-Amyloidose, Neudiagnosen13,5 / 1 Mio. PersonenjahreB
AA-Amyloidose, Neudiagnosen1,8 / 1 Mio. PersonenjahreB
MGUS → AL-Amyloidose~3 % der MGUS-Patienten, median nach 9 JahrenB
Kardiale Amyloidose bei HFpEF-Risikokollektiv~12 % positiv im ScreeningA

2 · Wann daran denken? Red Flags

Verdächtig ist nicht ein Einzelsymptom, sondern die Konstellation aus Herzinsuffizienz (v. a. HFpEF) plus extrakardialen bzw. strukturellen Diskrepanzen (A):

Cluster 1 – kardial + systemische Red Flags

  • RFAortenklappenstenose ≥ 65 Jahre
  • RFRasch progrediente Dyspnoe/Ödeme
  • RFBilaterales Karpaltunnelsyndrom, Spinalkanalstenose, Bizepssehnenruptur
  • RFPeriphere Polyneuropathie, autonome Dysfunktion

Cluster 2 – kardial + Struktur-/Befunddiskrepanz

  • LV-Wandverdickung ≥ 12 mm ohne alternative Ursache
  • Disproportional erhöhtes NT-proBNP, chron. erhöhtes Troponin
  • Pseudo-Infarkt-Muster, niedriges Voltage-to-mass-Verhältnis (Niedervoltage im EKG)

Weitere unspezifische Hinweise: Stuhlgangunregelmäßigkeiten, neuropathische Schmerzen, Muskelschwäche, Fatigue, Makroglossie, periorbitale Hämatome, Glaskörpertrübung (ATTRv) (A, B).

Organbeteiligung nach Subtyp (B)

Typisches Organbefallmuster – hilft bei der differenzialdiagnostischen Einordnung
SubtypBevorzugte Organe
ALsystemischHerz, Niere am häufigsten; potenziell jedes Organ außer ZNS
ALlokalLunge, Harnblase, Darm, Larynx, Bronchialbaum
ATTRwtHerz, Weichteile
ATTRvPeripheres/autonomes Nervensystem, Magen-Darm-Trakt, Herz
AANiere (95 %), Gastrointestinaltrakt/Leber (50 %), selten Herz (20 %)

3 · Stufendiagnostik

Schritt 1 – Biomarker

NT-proBNP und hochsensitives Troponin T (hsTnT) zur Abschätzung kardialer Beteiligung. Niedrige Werte sprechen dagegen (hoher negativer prädiktiver Wert):

Erhöhte Werte sind unspezifisch und müssen mit Bildgebung zusammen interpretiert werden (A).

Schritt 2 – Ausschluss AL-Amyloidose (therapeutische Dringlichkeit!)

Immunfixation (Serum/Urin) und freie Leichtketten. Bei vorbekannter MGUS: jährliches Screening mit NT-proBNP, Albuminurie, alkalischer Phosphatase, freien Leichtketten (B, „Merke“).

Der Nachweis einer monoklonalen Gammopathie bedeutet nicht automatisch eine AL-Amyloidose – Subtypisierung mit referenzpathologischer Bestätigung ist essenziell, da eine Fehldiagnose zu falscher Behandlung führt (B).

Schritt 3 – Bildgebung

VerfahrenBefunde
Echokardiografie (initial)LV-Wandverdickung ≥ 12 mm, „granular sparkling“, Pleura-/Perikarderguss, diastolische Dysfunktion, Strain-Analyse mit „apical sparing“
Kardio-MRTDiffuse/transmurale späte Gadolinium-Anreicherung (LGE), erhöhtes T1/ECV
Knochenszintigrafie (99mTc-DPD, Perugini-Score)Zentrales nichtinvasives Verfahren zur ATTR-CM-Diagnose bei fehlender monoklonaler Gammopathie; bei positivem Befund ergänzend SPECT
EndomyokardbiopsieVorbehalten Fällen mit positiver Leichtkettendiagnostik oder uneindeutiger nichtinvasiver Diagnostik

Bei fehlendem Nachweis monoklonaler Proteine und deutlicher Tracer-Anreicherung (Perugini 2–3) kann die ATTR-Amyloidose mit hoher Sicherheit ohne Biopsie diagnostiziert werden (A, B).

Genetische Testung

Bei gesicherter/unklarer ATTR-CM zur Differenzierung ATTRwt vs. ATTRv empfohlen; auch bei unauffälliger Familienanamnese, insbesondere bei begleitender Neuropathie (A, B). Diagnostische Ausbeute in Risikokollektiven: 6,6 % pathogene TTR-Variante (A).

Goldstandard Gewebediagnostik (B)

Kongorot-positive Biopsie mit „apfelgrüner“ Doppelbrechung im Polarisationsmikroskop – Ausnahme ist die kardiale ATTR-Amyloidose (nichtinvasiv über Szintigrafie diagnostizierbar). Screeningbiopsien: Bauchfettaspirat, Mundschleimhaut, Gastrointestinaltrakt; bei negativem Befund zügig Biopsie im symptomatischen Organ.

4 · Therapie nach Subtyp

ATTRSpezifische krankheitsmodifizierende Therapie

Zugelassene Substanzen (Studie, Wirkmechanismus, Effekt) — nach A
SubstanzMechanismusWichtigste Studiendaten
Tafamidis (61 mg 1×/d p.o.)TTR-Stabilisator, bindet Thyroxin-BindungsstelleATTR-ACT: Gesamtmortalität HR 0,70 [0,51;0,96] vs. Placebo über 30 Monate
Acoramidis (712 mg 2×/d p.o., EU-Zulassung Feb. 2025)TTR-Stabilisator via WasserstoffbrückenATTRibute-CM: Win-Ratio 1,8 [1,4;2,2] im hierarchischen 4-Stufen-Endpunkt; ~90 % TTR-Stabilisierung nach 4 Wochen; häufiger GI-Beschwerden/Gicht
Vutrisiran (25 mg s.c. alle 12 Wochen)RNA-Silencer, reduziert hepatische TTR-SyntheseHELIOS-B: Gesamtmortalität + rezidiv. kardiovask. Ereignisse HR 0,72 [0,56;0,93]; auch bei ATTR-Polyneuropathie zugelassen
Patisiran (0,3 mg/kg i.v. alle 3 Wochen)RNA-SilencerVerbesserung der 6-Minuten-Gehstrecke gegenüber Placebo; primär bei Polyneuropathie
Diflunisal, EplontersenStabilisator bzw. SilencerIn B als weitere Optionen genannt
CRISPR/Cas9-GentherapieEinmalige TTR-SuppressionIn klinischer Erprobung (B)

Ein früher Therapiebeginn (v. a. NYHA I–II) ist prognostisch besonders relevant; direkte Vergleichsstudien zwischen den Substanzen fehlen (A).

ALTherapie

Patienten mit kardialer Komplettremission (NT-proBNP-Normalisierung) haben altersadjustiert eine normale Sterblichkeit (B).

AATherapie

Richtet sich nach Grunderkrankung – Ziel: Suppression der Entzündungsaktivität, normwertige CRP/SAA-Werte.

5 · Kardiale Begleit- und Komplikationstherapie (ATTR-Fokus, A)

BereichEmpfehlung
HerzinsuffizienzSGLT2-Hemmer + Mineralokortikoidrezeptorantagonisten empfohlen; Diuretika zur Symptomkontrolle; vorsichtige Volumensteuerung (Euvolämie)
BetablockerBei LVEF ≤ 40 % Überlebensvorteil in Beobachtungsdaten (HR 0,61 [0,45;0,83]); bei Bradykardie/Hypotonie reduzieren/absetzen
ACE-Hemmer/ARB/ARNIKein regelhafter Einsatz bei kardialer Amyloidose (Hypotonierisiko, kein konsistenter Mortalitätsvorteil)
VorhofflimmernOrale Antikoagulation unabhängig vom CHA₂DS₂-VA-Score (ESC I B); Rhythmuskontrolle bevorzugt mit Amiodaron
Ventrikuläre ArrhythmienICD zur Sekundärprävention; Primärprävention i. d. R. nicht empfohlen; transvenös bevorzugt
AortenstenoseTAVI bei symptomatischer schwerer AS indiziert; erhöhtes Risiko für perinterventionellen AV-Block bei ATTRwt
LVAD/HerztransplantationLVAD für die meisten ungeeignet; HTx in ausgewählten Fällen

SGLT2-Hemmer bei ATTR-CM: gute Verträglichkeit (Abbruchrate 4,5 %), Reduktion HF-Hospitalisierungen (HR 0,57 [0,37;0,89]) und kardiovaskulärer Mortalität (HR 0,41 [0,24;0,71]), unabhängig von LV-Funktion (A). Positive Effekte auch für AL-Amyloidose beschrieben (B).

6 · Prognose & Verlaufsmarker

SubtypPrognose
ATTRwt-CM, unbehandeltMedianes Überleben ~3,5 Jahre (A) / 3–4 Jahre (B)
ATTRvStark variabel je nach Mutation/Manifestationsalter; manche > 15 Jahre Überleben, junges Manifestationsalter → kürzeres Überleben
AL, Mayo-Staging (Troponin T, NT-proBNP, dFLC)Stadien I–IV: medianes Überleben 94 / 40 / 14 / 6 Monate
AL, Höchstrisikogruppe (Stadium IIIc, inkl. GLS > –9 %)Medianes Überleben nur 7 Monate
AAPersistierende Entzündung (SAA >10 mg/l) → Progression und Nierenfunktionsverlust; normale SAA unter Therapie → beste Prognose

Serum-TTR als prognostischer Marker (A): Abnahme um 10 mg/dL → 73 % höheres Mortalitätsrisiko (HR 1,73 [1,55;1,91]). Interpretation klassenabhängig: unter Stabilisatoren sollte TTR steigen, unter RNA-Silencern ist eine starke Senkung (~80–90 %) erwünscht und mit Verbesserung von NT-proBNP/Troponin assoziiert.

7 · Nachsorge

8 · Fallbeispiel (aus Artikel B)

54-jähriger Patient, Z. n. Lungenarterienembolie, präsentiert sich mit Hauteinblutungen. Vorgeschichte: Albuminurie mit Nachweis einer monoklonalen Gammopathie (Leichtkette λ), zunächst nicht weiter abgeklärt (COVID-19-Pandemie). Im Verlauf zunehmende Belastungsdyspnoe, echokardiografisch Herzwandverdickung (initial als „hypertensive Kardiomyopathie“ fehlgedeutet) bei paradoxerweise sinkendem Blutdruck.

Diagnostik: Bauchfettaspiration mit positiver Kongorotfärbung → Diagnosesicherung Amyloidose; Subtypisierung ergibt AL-Amyloidose Typ λ (passend zur MG); Knochenmark: 7 % Plasmazellen, λ-Restriktion, t(11;14). NT-proBNP 2400 ng/l, erhöhtes TnT → kardiales Stadium IIIa.

Therapie & Verlauf: Dara-CyBorD + supportiv Midodrin, Schleifendiuretika, SGLT2-Hemmer. Nach 6 Zyklen: NT-proBNP 680 ng/l, Albuminurie rückläufig, freie Leichtketten normalisiert, Immunfixation negativ → komplettes hämatologisches Ansprechen, deutliche klinische Besserung.

9 · Kernaussagen für die Praxis

  1. Amyloidose muss aktiv in die Differenzialdiagnose von HFpEF, unklarer LV-Hypertrophie und Karpaltunnelsyndrom einbezogen werden – sie wird selten spontan gefunden.
  2. AL-Amyloidose ist immer zuerst auszuschließen, da therapeutische Dringlichkeit besteht (Immunfixation + freie Leichtketten).
  3. ATTR-CM kann bei fehlender monoklonaler Gammopathie und positiver Skelettszintigrafie nichtinvasiv ohne Biopsie diagnostiziert werden.
  4. Für ATTR-CM stehen heute zwei krankheitsmodifizierende Strategien zur Verfügung: TTR-Stabilisatoren (Tafamidis, Acoramidis) und RNA-Silencer (Vutrisiran, Patisiran).
  5. Klassische Herzinsuffizienztherapie (ACE-Hemmer/ARNI) ist bei kardialer Amyloidose oft schlecht verträglich; SGLT2-Hemmer und MRA sind Mittel der Wahl.
  6. Patienten mit vorbekannter MGUS sollten jährlich auf AL-Amyloidose gescreent werden.
  7. Vorstellung in einem spezialisierten Amyloidose-Zentrum nach Erstdiagnose wird empfohlen.